27-ob du willst oder nicht.

Und da kommt sie nun, die große 27. Jetzt kann ich es nicht mehr leugnen- ich gehe akut auf die große Drei Null zu.
Und wie wahrscheinlich jeder Mensch mache ich mir eine unfassbar große Platte über mein Leben, über möglicherweise verbaute Chancen, über Beziehungen, über einfach ALLES.
Wo hätte ich heute sein können? Viele Menschen sagen ja, sobald ihr Alter ein bedrohliches und nicht mehr zu leugnendes Ausmaß annimmt dass sie sich vor 10 Jahren wo ganz anders gesehen haben, als da wo sie letztendlich heute stehen. Bei manchen ist möglicherweise genau das eingetroffen, was sie sich gewünscht haben. Aber sind wir mal ehrlich, das letztere trifft wahrscheinlich auf die wenigstens zu. Ganz einfach weil das Leben uns meistens einen entschiedenen Strich durch die Rechnung macht.
Heiraten, Kinder kriegen, ein toller Job, ein toller Mann, vielleicht Karriere, vielleicht auch Teilzeithausfrau und Vollzeitmami. So die Träume und Wünsche der meisten Abiturienten, damals, 2009. Die Realität sieht bei den meisten wahrscheinlich anders aus.
Ich bin 27, lebe wieder in einer WG, nach meiner Berufsausbildung und nach meiner 2 jährigen Zeit als Büroheidi studiere ich wieder-und bin glücklicher als jemals zuvor in meinem Leben. Als mich vor ein paar Tagen diese oben geschilderte Panik befiel ging ich im Eiltempo alle vermeintlich vergeigten Chancen durch, die mir das Leben bisher gebietet hatte, verdrückte heimlich Tränchen auf der Damentoilette im Büro, trank nachts einen Schnaps weil ich nicht schlafen konnte während mein lieber Freund schnarchend im Schlaf um sich trat. Und irgendwie, als ich dann eben wieder ins warme Bettchen huschte und dieses schnarchende Etwas neben mir so sah, da wurde mir bewusst, wieviel Glück ich eigentlich im Leben habe. Trotzdem musste ich wieder heulen. Weiber eben.

Als ich 2009 Abi machte hatte ich, wortwörtlich, NULL Peilung vom Leben. Ich hatte nicht mal eine Vorstellung über meine Zukunft, irgendwie habe ich da nie so dran gedacht. Zum Glück, denn sonst wäre spätestens jetzt akut suizidgefährdet. Ich war so in dieser Depriphase wo alles scheiße ist und man eigentlich am liebsten den ganzen Tag nur rauchen und trinken und feiern will. Da das ohne Geld nur durch viel Titten und ein hübsches Gesicht möglich ist,  beschloss ich einfach irgendeine Ausbildung zu machen, hauptsache Kohle, endlich unabhängig, tschüss Elternhaus, hallo Freiheit. Die folgenden 4 Jahre waren eine Anreihung von Katastrophen leichten, semi-leichten und vollsten Ausmaßes. Aber ich habe überlebt, auch wenn ich jedes mal fest davon überzeugt war, dass ich ganz sicher jetzt das Ende erreicht habe.

7 Jahre nach dem Abitur:Ein Studium zu finden, dass auch noch etwas Spaß macht, sich mit Aushilfsjobs über Wasser halten (zum Glück erleichtert durch Erspartes aus Büroheidi-Zeiten), in einer fremden Stadt soziale Kontakte knüpfen, wirkliche, echte Freunde finden, sich verlieben, sich trennen, wieder verlieben, wieder trennen und wieder verlieben, 1000 Enttäuschungen- alles geschafft.

Mit 27 schaue ich auf mein bisheriges Leben zurück und ohne Zweifel- richtig erreicht hab ich tatsächlich noch nichts in meinem Leben, also braucht mich auch niemand für den Nobelpreis nominieren. Zumindest nicht nach außen hin. Aber für mich weiß ich heute, dass ich wahrscheinlich an einigen Punkten mehr Durchhaltevermögen hätte zeigen müssen, hätte egoistischer sein müssen, manchmal freundlicher sein müssen, aber das lässt sich nicht mehr ändern. Ich bin glücklich mit meinem Leben, denn auch wenn ich nicht erfolgreich bin, sondern immer noch am Traumjob arbeite, keine eigene Wohnung habe und der Ring noch lange auf sich warten lässt, von Kindern fange ich gar nicht erst an, dann ist doch das wichtigste, dass ich mich wohl fühle, einigermaßen gesund bin und morgens mit einem Plan aufstehe. Dass man gelassen ist, weil man viele Dinge nicht ändern kann, dass man versucht, jeden Tag alles zu geben und die möglichst beste Version seines Ichs zu sein.

Und was das angeht würde ich sagen- Ziel erreicht.